06 Dez. Ich wünsch mir Schneinachten
Wo ist der weiße Flaum geblieben? Ein emotional-humorvoller Wunschzettel an Petrus
Weihnachten steht vor der Tür. Die Lichterketten blinken, der Glühwein duftet – oder besser gesagt, er schwappt über, weil man versucht, sich in T-Shirt-Wetter in Festtagsstimmung zu zwingen. Ich habe es gestern in den Nachrichten gehört, und ich musste kurz prüfen, ob der Moderator aus Versehen das Rezept für das Festtagsessen vorgelesen hatte: Das Wetter wird mild. Mild! Mild ist ein Dip zu Nachos, mild ist eine sanfte Saucenkreation vom Henssler, aber doch nicht das Wetter am Fest der Feste! Das Wetter ist derzeit so, als hätten sich der melancholische Oktober und der launische März in einer feuchtfröhlichen Nacht getroffen und ein uneheliches, eher matschig-graues Kind gezeugt. Es riecht nach feuchter Erde, nicht nach frostklarem Tann.
Dabei ist Weihnachten doch eigentlich das Fest der drei K’s: Kaminfeuer, Kuschlsocken und Kalte Nasen! Man soll doch eigentlich die gefühlte Temperatur von Sibirien haben, damit man den Glühwein auch wirklich braucht, um nicht sofort zu einem festlichen Eiszapfen zu erstarren. Man soll beim Gassigehen mit dem Hund bis zu den Waden im Schnee versinken und danach daheim triumphierend das knisternde Feuer entfachen.
Ah, früher! Früher war alles besser
Das ist natürlich Quatsch, früher gab es auch VHS-Kassetten, die man zurückspulen musste, und Internet, das klang wie ein startendes Raumschiff. Aber der Schnee! Der Schnee war früher pünktlich und massiv. Da gab es sogar im Sauerland noch Skihotels, die tatsächlich auch zum Skifahren genutzt wurden, und Skilifte, die nicht nur als nostalgische Denkmäler an besseren Winterzeiten in der Landschaft standen. Da konnte man einen echten Schneemann bauen, mit Karottennase und Kohlestücken, und nicht nur einen matschigen Haufen formen, der aussah, als hätte man ihn aus nassem Waschbeton modelliert.
Was haben wir heute? Kunstschnee aus der Dose
Ich habe mir so eine Dose gekauft. Aus Verzweiflung. Man sprüht es an die Fenster, und es sieht am Ende nicht romantisch und frostig aus. Nein, es sieht aus, als hätte Olaf der Schneemann (aus „Die Eiskönigin“) einen schweren Schnupfen bekommen und direkt auf die Scheibe geniest. Die weiße Pracht ist nicht weich und magisch, sondern klebrig und irgendwie beleidigend.
Das ist der Punkt, wo die Emotion zuschlägt. Wir sehnen uns nach dieser einen, perfekten Postkarten-Szene: Die Welt ist still, nur das Knirschen unter den Winterstiefeln ist zu hören. Der Sound der Heiligen Nacht ist kein leises Prasseln von Nieselregen, sondern das leise Flocken-Fallen.
Mein Wunschzettel an das Universum Liebes Universum, lieber Petrus, verehrte Klimagöttinnen! Ich wünsche mir ja nicht Alles auf einmal, nicht das Ende aller Probleme. Ich wünsche mir Reichtum, Frieden auf der Welt aber vor Allem wünsche ich uns Schneinachten!
Ich wünsche mir, dass es so viel schneit, dass die Kinder am 24. nicht in den neuen Gummistiefeln, sondern in den dicken Winterstiefeln zum Gottesdienst gehen. Ich wünsche mir, dass ich meine Kuschelsocken tragen kann, ohne dabei einen Hitzschlag zu erleiden. Und ich wünsche mir, dass die kalte Nase, die ich mir am Kamin wärme, echt kalt ist – gefrostet von der Magie des frisch gefallenen, echten, unfassbar kitschigen und wunderbaren Weihnachtsschnees. Bis dahin trinke ich meinen Glühwein bei 12 Grad Außentemperatur und versuche, die Duftkerze mit dem Aroma „Weihnachtswunder“ einfach ein bisschen länger brennen zu lassen. Vielleicht wirkt das ja.
Frohe Schneinachten – oder zumindest: Frohe Matsch-Feiertage!
